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Quintessenz aus 300 Formen

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Über 70 Jahre war Linck Keramik in Reichenbach zuhause, seit Anfang Jahr drehen sich die Töpferscheiben in Worblaufen. Ein Manufakturbesuch anlässlich der heurigen Sommerausstellung.

Gehen eine Ausstellung und ein Umzug nahtlos ineinander über, sind Extranerven gefragt, ganz besonders dann, wenn es das Hab und Gut einer Keramikmanufaktur zu zügeln gilt. «Dass es ein Kraftakt werden würde, wussten wir», sagt Inhaberin Annet Berger rückblickend. «Mit einem schlussendlichen Produktionsunterbruch von zwei Monaten hat aber niemand gerechnet.» Neben dem Vorbereiten der ersten Ausstellung am neuen Standort waren sie und ihr Team in den letzten Wochen deshalb primär mit dem Abarbeiten der zahlreichen Bestellungen beschäftigt. Die letzte Ausstellung am ehemaligen Standort nämlich war besser denn je gelaufen. Zeit für erste Glücksgefühle ob dem neuen Zuhause blieb trotzdem. «Wir sind angekommen und haben alle grosse Freude an den Räumlichkeiten, Kundinnen und Kunden inklusive. Es ist ein inspirierender Ort mit ebensolcher Nachbarschaft. Dass er wiederum am Wasser liegt, nur wenige Aarekurven vom Ursprung der Manufaktur entfernt, ist ein schöner Zufall.»

 

Im Geiste Margrit Lincks

Merklich Quadratmeter gewonnen hat Linck in den ehemaligen Hammerwerk-Räumen nicht, Aufteilung und Anmutung aber zeigen sich luftiger und grosszügiger als bisher. Damit wird der Bau am Worblaufener Schmiedeweg zum perfekten Ort für das endgültige Einläuten der neuen Ära. Ihren Lauf genommen hat sie vor vier Jahren, als sich Annet Berger in dritter Generation zu Übernahme und Weiterführung der Manufaktur entschied. Weiterführen ist ihr dabei bis heute wichtiger als übernehmen. «Ich habe grosse Achtung vor Margrit Lincks Pioniergeist und der unglaublichen Qualität und Präsenz ihrer Arbeit, deshalb wusste ich von Beginn an, dass ich die Manufaktur in ihrem Sinne in die nächste Generation führen möchte.» Als Konsequenz dieses Anspruchs sind gewisse Dinge nicht verhandelbar. «Etwa, dass wir in der Schweiz und von Hand auf der Drehscheibe produzieren. Linck gehört in die Schweiz, hätte nicht mehr die gleiche Ausstrahlung, wenn wir anderswo oder gar industriell produzieren würden. Auch wenn wir damit viel Geld sparen könnten.» Doch hiesse das, die Seele von Linck zu verkaufen. Für Annet Berger ein unvorstellbarer Schritt.

 

Nah an den Wurzeln

Lieber macht sie sich auf ihre ganz eigene, behutsame Weise daran, der Manufaktur eine moderne Handschrift zu verleihen und ihr ein langfristiges Bestehen zu sichern. Indem sie möglichst nahe an den Linck-Wurzeln nach neuen Standorten suchte. Da, wo der Nachwuchs mit der Keramik-Fachklasse der Schule für Gestaltung Bern und Biel vor der Haustüre liegt. Indem sie den Fabrikladen seit Februar einmal pro Monat auch samstags öffnet und so vermehrt einer jüngeren und schweizweiten Kundschaft den Besuch vor Ort ermöglicht. Vor allem aber, indem sie sich gemeinsam mit ihrem Team zu einer Reduktion auf das Wesentliche entschlossen und die rund 300 Formen von Margrit Linck zu einer Kernkollektion verdichtet hat. «Es ist gewissermassen unsere Interpretation ihres Werkes, das, was wir als Quintessenz von Linck betrachten», so Annet Berger. Eine Schärfung des Profils, die gleichzeitig Produktion und Lagerbewirtschaftung vereinfachen soll. Dass dabei grössere Stücke im Fokus stehen, hängt nicht zuletzt mit den Produktionskosten zusammen. «Kleine Stücke gleich wenig Aufwand ist eine Gleichung, die nicht aufgeht, ganz im Gegenteil. Das macht es schwierig, dafür einen angemessenen Preis zu verlangen.» Genau darauf sind Manufakturen wie Linck aber angewiesen. «Damit ein Handwerk überleben kann, muss es wertgeschätzt werden. Das hat in der Regel seinen Preis.» Umso freudiger stimmt Annet Berger die wiedererwachte Freude an der Keramik, die sie allenthalben spürt.

 

www.linck.ch

«Der Bund» vom 10. Juni 2015.