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 Wo der Weltfrieden wohnt

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Die weltweit kleinste Gastropersonalfluktuation, literarische Eigengewächse, ein Festival, das dem Gurten Konkurrenz macht, nach Mafia schmeckender Kaffee, Mike Tyson-Teller, Weltfrieden auf 55 Quadratmetern – der Kosmos des Café Kairo ist wundersam, herzensgut und voller ironischer Zwischentöne. Eine Beiz, die nicht nur fabulöser Ess- und Kulturort, sondern gleichzeitig erweitertes Wohnzimmer ist, für Mitarbeitende und Gäste gleichermassen. Erstere schauen auch an freien Tagen gerne vorbei, zweite kommen von nah und fern und in den allermeisten Fällen immer wieder. Gründe dafür gibt es viele. Dass das Kairo ein zuverlässiger und doch immer wieder überraschender Compagnon ist, ist einer davon. Gewisses ist fix, Anderes wird nach Lust und Laune variiert. So haben die Gäste kulinarisch und kulturell stets die Wahl zwischen alten Bekannten und neuen Abenteuern.

 

Im Restaurant ist die Karte bewusst klein gehalten. Evergreens sind der Burger- und der Falafel-Teller, winters der mit Kartoffeln und Saucisson gereichte Vacherin aus dem Ofen, samstags ganzjährig die arabischen Abendmenus. Vegane Gourmets feiern mit dem Mike Tyson-Teller die beeindruckende Wandlung des Namensgebers vom Ringkannibalen zum Veganer. Gekocht wird saisongerecht, mit lokalen Produkten und zu grossen Teilen biologisch. Das Gemüse kommt vom Belpberg, das Fleisch aus dem Jura und manchmal aus dem Quartier, die Getränke stammen von überall, nur nicht aus dem Hause Nestlé, «da kennen wir kein Pardon», hält Patronne Trine Pauli fest. Eine Konsequenz, die man als Gast dankt, liest sich doch eine solche Getränkekarte viel vergnügter und abwechslungsreicher als der vielerorts übliche Einheitsbrei. Ähnlich verhält es sich mit den Tagesmenus, die abends und mittags einmal mit, einmal ohne Fleisch zu haben sind. Gezaubert werden sie täglich frisch aus dem, was Kühlschrank, Gemüselieferung und Fantasie hergeben. «Wie im ganzen Haus setzen wir auch in der Küche auf Selbstverantwortung und Kreativität», so Küchenchefin Karin Gasser. «Wer morgens in der Küche steht, bestimmt, was auf Tafel und Teller kommt.» Lesen tut sich das dann zum Beispiel so: Linsenbraten auf Randensauce und Ofengemüse. Fenchelpiccata auf Tomatensauce und Spaghetti. Chüngeliragout mit Gemüse und Polenta. Fleischkäse mit Zwiebelsauce und Ofenkartoffeln. Küche, die Spass macht, schmeckt und sich weit herum etabliert hat.

 

Die Hauskultur wiederum geht im Keller vonstatten und ist direkt mit der Beiz verbunden. Auch das unverkennbar Kairo: Ob Ess- oder Kulturgast, das jeweils andere spielt mit rein, und selbst in den wildesten Nächten findet sich auf den Beizenbänken immer ein gemütliches Debattier-, Jass- oder Pausenplätzchen. Ein- bis zweimal pro Woche stehen von Manuel Gnos organisierte Konzerte auf dem Programm, ein- bis zweimal pro Monat von Matto Kämpf aufgespürte Literaturpreziosen, immer am ersten Samstag des Monats lädt das Kairo zudem zur Tanznacht. Türsteher und Gummibärli indes sind auch dann keine auszumachen. Es würde nicht zum Weltfrieden passen und, so Trine Pauli, «war bisher auch nie nötig, nicht einmal am Gartenfestival.» Ein Privileg, das sie dem Standort zuschreibt. «Anfangs hat uns die Verstecktheit in der hinteren Lorraine manchmal Mühe gemacht, nun ist sie von grossem Vorteil. Wer zu uns kommt, kommt der Freude statt der Profilierung wegen.» Und das seien, wirft Manuel Gnos ein, seit einigen Jahren auch bei Konzerten regelmässig Leute, die man an solchen Veranstaltungen nicht unbedingt erwarten würde. «Dass sich mit unserem Programm auch 60-Jährige wohl fühlen, finde ich grossartig.» Musikalisch geben Bands den Ton an, die direkt in Rockerherz, Indiebauch und Folkbeine zielen, literarisch Spoken Word, bevorzugt fürs Mikrofon geschrieben, «damit es gegen die Beizengeräuschkulisse ankommt», wie Matto Kämpf, das eingangs erwähnte literarische Eigengewächs, sagt. Fest mit dem Kairo verbunden ist auch das Gartenfestival, der Hauptstadt hochgeschätzte und charmante Alternative zum Gurtenfestival. Ging es im ersten Sommer einzig darum, sich «mithilfe von Ständerlampe, Plattenspieler, Cocktailbar und Grill» vom Festivalriesen nicht den Spass verderben zu lassen, wäre heute ein Berner Sommer ohne Gartenfestival kein richtiger Sommer mehr.

 

Ihren Lauf nahm die Kairo-Geschichte 1998 mit einem genossenschaftlichen Bauprojekt. Das Erdgeschoss wollte man gewerblich nutzen, am liebsten mit einem kleinen Café. Was aber mit dem Kellerlokal? Dass es heute Kulturelles beheimatet, ergab sich aus einer damaligen Paarkonstellation. Sie Gastrofrau durch und durch, er Journalist und Kulturmensch. Inzwischen ist sie – Trine Pauli – das einzig verbleibende Gründungsmitglied und hat mit dem Kairo zusammen in der hinteren Lorraine Wurzeln geschlagen. Weg zu denken sind beide weder aus dem Quartier noch aus der Stadt, in gewissen Bandräumen und Wohnzimmern nicht einmal mehr von der Weltkarte. Zu legendär die vielen langen Nächte und mit Vergnügen verspeisten Hamburger-Teller.

Portrait Café Kairo für den Kulturbeizenführer des Migros Kulturprozent, Herbst 2015.